SCHILLER
Eigentlich bleibt nur festzustellen, dass das letzte Album von Christopher von Deylen – besser bekannt als Schiller – ein gewaltiger Erfolg war.
Eigentlich bleibt nur festzustellen, dass das letzte Album von Christopher von Deylen – besser bekannt als Schiller – ein gewaltiger Erfolg war. „Sehnsucht“, mit Gästen wie Xavier Naidoo, Klaus Schulze, Ben Becker oder Anna Maria Mühe, war in diesem Jahr kaum zu überhören – und es erreichte Platz Eins der Albumcharts.
Da könnte man eigentlich erwarten, dass Christopher von Deylen sich sehr zufrieden fühlt, doch er empfindet es ganz anders: „Ich merke den wachsenden Erfolg gar nicht richtig, weil ich darauf nicht achte.“ Was an sich schrecklich unglaubwürdig und abgedroschen klingt. Doch wenn man ihm gegenüber sitzt, vermag man es kaum anzuzweifeln. Man sieht nur einen aufmerksamen, nachdenklichen und konzentrierten Mann, der weit davon entfernt ist, sein Ego mit weltmännischem Understatement oder Untertreibungen aufzubauschen. Er meint es wohl auch so, wenn er sagt: „Ich mache die Musik nicht, um Erfolg zu haben oder Platten zu verkaufen. Es ist meine Leidenschaft und der muss ich nachgehen, koste es was es wolle. Wie ein Maler, der malen muss.“ Aber dieser Zwang ist ein angenehmer Zustand für ihn, einer der ihn paradoxerweise sogar befreit. Die Platte wird dabei für ihn nicht besser oder schlechter, weil sie dieses Mal besonders viele Menschen interessiert hat. „Am Ende sind für mich nur der Kreativprozess und die Authentizität wichtig. Ich möchte mich keinesfalls verbiegen, das könnte ich gar nicht. Keine Kompromisse.“
Nun ist es allerdings auch nicht so, dass seine kompromisslose Musik die Ohren der Hörer vor schwere Aufgaben stellen würde. Der Schiller Sound besticht vor allem durch klare und glatte Melodien und ist im Großen und Ganzen ziemlich sanft und gefällig. Was ihn seit dem ersten Album „Zeitgeist“, das vor fast zehn Jahren erschienen ist, ausmacht, ist die tiefe Emotionalität seiner Musik. Und diese erreicht die Menschen direkt: „Über die letzten zehn Jahre hat es sich als der richtige Weg erwiesen – ich habe es geahnt und gehofft. Bei mir ist das langsame Weiterentwickeln ein Wesen des Schiller-Gefühls; ich glaube, dass die Menschen das auch merken. Ich stehe dafür. Es ist keine Rolle – ich bin nicht erst ab abends um zehn Schiller.“
Was natürlich zwangsläufig die Frage nach der anderen Seite der Medaille aufwirft, nach den Augenblicken des Zweifelns und der Unsicherheit. „Die Selbstzweifel gehören dazu, genauso wie das Erfolgserlebnis – das ist untrennbar verbunden.“, erklärt er. „Wie beim Lampenfieber – in dem Moment, wo man das nicht hat, sollte man aufhören.“ Er gesteht sogar, dass zu großer Erfolg ihn mehr verunsichert, als dass er dadurch die Überzeugung gewinnt, alles richtig gemacht zu haben. „Am Ende kann ich vielleicht nicht richtig verstehen, dass es so ist. Wenn die Konzerte immer voller werden – da kann doch was nicht mit rechten Dingen zugehen?“
Eines dieser Konzerte, der Auftritt in Köln, erscheint nun als Live-DVD und CD. Besonders die DVD vermittelt einen Eindruck davon, was die Fans erleben durften. Das visuelle Feuerwerk mit großen LED-Wänden und ausgeklügelten Lichteffekte ist gigantomanisch. Wie er eingesteht, ist der Aufwand, gemessen an Zuschauerzahlen, oft viel zu groß. „Es zwingt mich keiner das zu tun, aber ich habe gewisse Vorstellungen davon, wie ich das Konzert gerne erleben würde. Ich habe zum Glück die Möglichkeiten, das zu machen und muss dann damit leben, dass es die eine oder andere Tour gab, die – obwohl ausverkauft – auch ruinös war.“ Spätestens an dieser Stelle wird klar, dass Christopher von Deylen dazu neigt, ein Kontrollbesessener zu sein. „Ich bin für einige Menschen die Katastrophe, wenn ich vom Design der Backstagepässe bis zum Bühnenaufbau und dem Speiseplan alles selbst entwerfe, bzw. co-kreiere.“ So hat er auch die Grafiken und Effekte für die Bildschirme im Hintergrund programmiert: „Schon weil es mir großen Spaß macht.“ Außerdem würde es ihn mehr Zeit und Kraft kosten, es anderen zu erklären: „Da mache ich es lieber selber.“
Schiller ist der Gegenentwurf zum Rockstar, der zehn Minuten vor dem Auftritt zur Bühne gefahren wird. „Für mich ist das Auf-Tour-Sein ein Paralleluniversum – da bin ich gleich morgens um neun in der Halle, weil es unfassbar spannend ist. Es ist meine Belohnung zu sehen, wie alles jeden Tag von neuem aufgebaut wird.“ Natürlich war er auch an den Arbeiten zur DVD beteiligt. „Ich habe den Regisseur und die Kameraleute in den Wahnsinn getrieben, weil wir schon Monate vorher versucht haben, alles mit Modellen und Skizzen festzulegen.“ Wobei er auch das Risiko eingeht, dass viele Menschen ihn dahingehend missverstehen, dass er ihnen nicht vertrauen wurde.
Dass diese Zeit sehr anstrengend war, versteht sich von selbst. Im Moment ist er sogar nicht in der Lage, sich auf Musik zu konzentrieren – bis auf einen Remix für den Polarkreis-Hit „Allein Allein“. „Das ist seit langer Zeit mal wieder ein Song, der mich sehr berührt.“ Ansonsten hat er es aufgeben, in diesem Jahr noch neue Musik zu machen. „Ich möchte den Sehnsucht-Zyklus mit der DVD abschließen, um 2009 eine neue Leinwand zu spannen und neue Farben zu mischen.“ Der Maler, der malen muss.
Fotograf Gregor Hohenberg
Styling Alexandra Heckel
Model Christopher von Deylen
Produktion LOOP Magazin

