Die Schimmelreiter
Vorsicht, dieses rührige Roadmovie hat rein gar nichts mit der gleichnamigen Novelle von Theodor Storm gemein, nein es geht um zwei Typen, die charakterlich konträrer nicht sein können. Wie die Vertreter einstens in „Indien2. Nur bereisen diese beiden Antihelden die beschauliche Ödheit in der pittoresken Flachheit von Schleswig-Holstein. Eine warmherzige Story mit einem gerüttelten maß an bissigem Witz und trockenem Sarkasmus: Fuchs (Peter Jordan) ist eine kleine Spaßbombe, die mit stoischer Ruhe das leben angeht. Nur bei den scharfen Kontrollen der Gaststätten in seiner Heimat Dithmarschen versteht er wenig Spaß. Aber er handelt stets fair. Er träumt davon, seinen Einsatzbereich in die hanseatische Metropole Hamburg zu verlagern. Um den Chef der dortigen Lebensmittel-Kontrolleure für sich einzunehmen, nimmt er dessen Bruder Tilman (Axel Prahl) bei sich auf. Hätte er vorher geahnt, was für einen Misanthrop und Egoisten - mit Affinität zu Zichten und noch mehr Hochprozentiges - er sich an die nährende Brust holt ,hätte er sich auf diesen faustischen Händeln sicherlich nicht eingelassen.
Nichts ahnend nimmt Fuchs seinen Schützling auf seine vermeintlich letzte Dienstreise durch Dithmarschen mit. Tilmann besteht darauf, dass das Duo die Reise in Fuchs' schönem Chevrolet unternimmt. Zusammen klappert das ungleiche Paar die Frittenbuden und China-Lokale der Gegend ab. Dabei nimmt der weltmännische das Ruder in die Hand und verhängt strenge Bußgelder, die er sich vor aller Augen in die eigenen Taschen stopft - ein schimärischer Alptraum für den spießigen Saubermann Fuchs. Dieser Trip darf daher nur im Chaos enden.
Eine sehenswerte Low Budget-Produktion von Lars Jessen und Ingo Haeb, gerade einmal mit einem 16-köpfigen Team und stinknormalen Videokamera abgedreht. Dementsprechend locker, wie aus dem wahren leben sehen auch die Sequenzen teilweise aus. Die nette Geschichte basiert auf Erfahrungen Haebs, die er während eines Praktikums in der Schulzeit sammelte. Das Resultat: Ein rühriger und berührender Indie-Streifen, der sich aus Detlev Bucks Heimat-Repertoire ansatzweise bedient. Regisseur Lars Jessen, gerade erst mit seiner engagierten Rocko-Schamoni-Adaption "Dorfpunks" in DVD-Regalen, widmet sich abermals seiner Heimat: dem endlos flachen Norden, den Menschen dort mit ihrer spröden Art, dem Charme eines Nato-Zaunes und dem typischen unterkühlten Humor, eben keine heilsamen Örtlichkeiten für Melancholiker. Selbst in Kiel geboren, delegiert der Jessen mit diesem schönen Roadmovie zwei antagonistische Originale in den mikrokulturellen, apokalyptischen Hades von Frittenbuden, Asia-Lokalen und Holsten-Treffpunkten. Vor allem, daß Imbisse als „tragende Säulen unserer Demokratie“ in diesem herrlichen Filmchen charakterisiert werden, ist schon ein sehr seltenes und eigentümliches Filmzitat.
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