Der freie Wille
Harte Filmkost über einen Vergewaltiger, der nicht von seinen Treiben ablassen kann: das Drama von Matthias Glasner bebildert das leidliche Eines Psychopathen, der auch nach seiner Haftentlassung eine „Beziehung“ mit einer jungen Frau pflegt, die wiederum ebenfalls ein Opfer ihres Vaters ist. In den Hauptrollen brillieren Jürgen Vogel und Sabine Timoteo: Theo (Jürgen Vogel) hat neun Jahre Knast hinter sich, wegen dreifacher Vergewaltigung. Er versucht sich an das geordnete Dasein „draußen“ zu gewöhnen und seinen immer wieder aufkeimenden Trieben zu kompensieren. Zu Frauen hat er wenig Vertrauen und Verständnis, geschweige denn eine „Beziehung“. So nistet er sich in der WG vom Sozialarbeiter Sascha (André Hennicke) ein, findet einen Job in einer Druckerei und treibt viel Sport: Allmählich wird Theo ein wenig selbstsicherer. Er lernt die 27-jährige Nettie (Sabine Timoteo) kennen. Die Tochter seines Chefs Manfred (Zapatka)) wurde Jahrelang von ihrem Vater missbraucht.
Glasners bedrückendes Drama brilliert mit konsequenter Bildsprache, mit distanziertem, unaufgeregtem Blick, und auch die Nüchternheit, mit der hier auf die leidlichen Dinge geschaut wird, die dezente Zurückhaltung, mit der er der Versuchung nicht nachgibt, alles peinlich zu thematisieren. Glasner versteht es, einen Täter als Mensch näher zu zeigen, ohne dessen Taten zu verniedlichen. In der Tat ein sehr delikates und kontroverses Thema, das es vorsichtig zu verfilmen galt: Glasners verifiziert dies mit einer konsequenten und ernüchternden Bildsprache, immer auf Distanz, immer klinisch unterkühlt. Es geht nicht um Verharmlosung oder Verzeihung, dafür sind derartige Taten zu gravierend, insbesondere aus der Sicht des Opfers. Sie bleiben unverzeihlich. Dennoch schafft das Drama den Drahtseilakt, den Täter auch als Menschen zu betrachten. Als Kranken der nicht anders kann und letztlich auch nie anders will.
Notizen am Rande: In Hamburg beispielsweise beschäftigen sich Profiler mit den Tätermustern. Sie versuchen dabei weniger die "Seele" des Mörders oder Sexualtäters zu ergründen. Sie stützen sich auf Fakten und setzen auf die Hilfe eines in Kanada entwickelten Computerprogramms. Damit werden erstmals Verbrechen nach einheitlichen Kriterien erfasst. werden können. Übrigens: Rund 7350 Mal wurde schon 2008 eine Vergewaltigung und sexuelle Nötigung in Deutschland gemeldet. Die Dunkelziffer soll bis zu hundertfach höher liegen. Rechtsstaat und Sozialverbände versuchen den misshandelten Frauen zu helfen. Misshandlungen von Frauen seien kein Problem am Rande der Gesellschaft, betonte die EX-Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen vor zwei Jahren. Denn diese Form von Gewalt finde in allen Schichten statt. Das Allerschlimmste dabei ist zudem das wegschauende Desinteresse, wenn gleich nebenan eine Frau Opfer psychischer und physischer Gewalt wird.
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