Heavy Rain
Seit der Name „Heavy Rain“ durch die Videospielwelt geistert, ist viel geredet und gemutmaßt worden: Interaktiver Film, Quicktime-Event-Game, Detektiv-Spiel!? Nach einem ausgiebigen Test steht fest, dass es ein wenig von allem geworden ist, vor allem aber eine bedrückende erschütternde und noch nie da gewesene Spielerfahrung.
Ihr spielt vier verschiedene Personen: einen FBI-Agenten, einen Architekten, einen Privatdetektiv und eine junge Fotografin. Ohne direkte Verbindung sind alle in die mysteriösen Vorkommnisse um den „Origami-Killer“ verwickelt. Jeder Einzelne von ihnen stellt unabhängig von den anderen, Nachforschungen an. Der FBI-Agent macht seinen Job, der Architekt ist durch die Entführung seines Sohnes direkt involviert, der Privatdetektiv beauftragt und wie die Fotografin in die Geschichte verstrickt ist, lassen wir an dieser Stelle offen.
Die Storylines wechseln scheinbar zufällig und beginnen meist mit ganz normalen Alltagsituationen: aufstehen, duschen, frühstücken zur Arbeit fahren etc. Dabei sind die Charaktere in der Lage mit vielen verschiedenen Gegenständen und Gegebenheiten per Knopfdruck zu interagieren. Es kann sich um vollkommen unwichtige Tätigkeiten handeln, denn ob ich morgens dusche oder nicht, ob ich mit Frühstück aus dem Haus gehe oder ohne, ist für den Storyverlauf nicht von wesentlicher Bedeutung. Es kann sich aber auch um eminent wichtige Vorkommnisse handeln. Wenn der FBI-Mann am Tatort mit seinem Brillen-Interface (übrigens ein sehr cooles Feature) nach Spuren sucht und etwas verpasst, könnte ihm bei folgenden Ermittlungen eine nicht unwichtige Information verwährt bleiben. Noch deutlicher wird es bei dem Vater des entführten Kindes. In einer vom Killer inszenierten Schnitzeljagd muss er verschiedene Aufgaben lösen, um an das nächste Puzzle-Stück zu gelangen. Ist er nicht schnell, entschlossen oder skrupellos genug die gestellte Aufgabe zu erledigen, könnte es für seinen Sprössling das Ende bedeuten. Natürlich können die Charaktere in verschiedenen Situationen sogar sterben. Auf einen neuen Versuch beim letzten Speicherpunkt wartet ihr dann allerdings vergeblich. Stirbt einer der Protagonisten, hat er keine Chance mehr ins Geschehen einzugreifen – glücklicherweise sind die Gelegenheiten, bei denen man mit seinem Leben bezahlen kann, nicht an jeder Ecke zu finden.
„Heavy Rain“ versprüht eine unglaublich dichte Atmosphäre. Die ist meist unbehaglich und bedrückend und zwar auf eine dermaßen authentische Weise, dass sie fast schon Beklemmung auslöst. Die französischen Entwickler von Quantic Dreams haben unglaublich viel Liebe zum Detail entwickelt und ihre Ideen akribisch umgesetzt. Die einzelnen Handlungsstränge fangen eher langsam an, entwickeln sich allerdings zu einer nervenaufreibenden Hatz nach Informationen und Indizien. Besonders emotional präsentieren sich natürlich die Abläufe um den Vater des entführten Kindes. Hier kommt man besonders oft in die „was würde ich in der Realität nun machen-Situation“ und leidet im wahrsten Sinne des Wortes mit. Wenn die Fotografin zuhause von Einbrechern überrascht wird, wenn der Privatdetektiv sich für eine Bordsteinschwalbe mit einem Ex-Lover anlegt oder eine Verfolgungsjagd durch einen Indoor-Market stattfindet, avanciert das Spiel kurzfristig zum Action-Game. Es handelt sich hier um eine wohldosierte Anwendungen verschiedener Gameplay-Tools die nahezu perfekt aufeinander abgestimmt sind. Grafisch spielt „Heavy Rain“ in der oberen Liga mit. Etliche Details sorgen für ein optisch ansprechendes, real wirkendes Szenario. Die Gesichter sind absolut authentisch, die Augen nahezu perfekt.
Fazit: “Heavy Rain“ ist definitiv ein Meilenstein und ein bisher einzigartiges Highlight der Videospiel-Geschichte. Es ist keinem Genre wirklich zuzuordnen, was ebenfalls ein Indiz für die besondere Stellung ist. Der Spannungsbogen baut sich langsam aber sicher auf und die Story überrascht den Spieler mit Überraschungen und unverhofften Wendungen. Durch die vielen verschiedenen Möglichkeiten, die sich im Spiel bieten, macht ein mehrmaliges Durchspielen durchaus Sinn, denn in Schlüsselsituationen getroffene Entscheidungen verändern den weiteren Handlungsablauf teilweise gravierend.
Heavy Rain Genre: Interaktiver Noir-Thriller Hersteller/Entwickler: Sony Comp. Ent./QuanticDream System: PlayStation 3

